Digitale Revolution, Industrie 4.0 oder die nächste industrielle Revolution: Wie man es dreht und wendet, der bevorstehende Wandel ist in aller Munde. Breit diskutiert werden wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen, hoch gelobt Effizienzsteigerungen. Und doch: Ein leiser Zweifel, ob Entscheider – gerade aus dem Mittelstand – ausreichend in die eigene Zukunftsfähigkeit investieren, bleibt.

Die aktuelle Studie Digital Transformation 2018 zeigt, dass die Digitalisierung 2018 zwar endgültig in die oberen Etagen der Unternehmenslenker Einzug gehalten hat und die Unausweichlichkeit eines Wandels durchaus erkannt und angegangen wird. Eine Chance für das eigene Unternehmen oder gar die Möglichkeit der Disruption des eigenen Geschäftsmodells erkennt hierin laut McKinsey aber insgesamt nur jeder zweite Mittelständler – und in etwas zu investieren, das vermeintlich mehr Risiken als Chancen birgt, erscheint gerade bei prognostiziertem Wirtschaftsabschwung wenig attraktiv. Sinnvoll ist es aber trotzdem.

Risikofaktor Downturn

Über den Bedarf der Digitalisierung von Unternehmensprozessen bis hin zur Transformation ganzer Geschäftsmodelle wird viel gesprochen. Getan wird aber noch vergleichsweise wenig. Trotz Erkennen des Handlungsbedarfs sehen sich in Deutschland nur rund 6% der befragten Unternehmen in 2018 „sehr gut“ aufgestellt für die Digitale Transformation, während es in den USA bereits im vergangenen Jahr 47% waren*. Die Frage, woran es liegt, dass trotz des Gefühls, noch einiges besser machen zu können nicht stärker investiert wird, drängt sich auf.

Einen Erklärungsansatz für die Zurückhaltung liefern Statistiken, die zwar eine aktuell gute Konjunktur zeigen, langfristig aber eine Konjunktureintrübung und damit einen Rückgang oder zumindest eine Verlangsamung des Wachstums prognostizieren. Erst kürzlich warnte der IWF beim Treffen der G20-Finanzminister und Notenbankchefs in Buenos Aires, davor dass das weltweite Wirtschaftswachstum in 2020 bis zu einem halben Prozentpunkt sinken könnte. In Zeiten von Niedrigzinsen, Staatsschulden in Italien, einem schwächeren Wirtschaftswachstum in China und weltweit wachsendem Protektionismus erscheinen für viele Entscheider, die mitunter ohnehin an der Auslastungsgrenze arbeiten, Investitionen in die Verbesserung bestehender Produkte sinnvoller, als solche in eine fern geglaubte Umwälzung der bestehenden Geschäftsmodelle. Die disruptive Kraft der kommenden Veränderungen ist noch nicht ausreichend greifbar, der Spielraum für Unternehmen derzeit noch groß. Fest aber steht: Nicht nur der Wettbewerb aus anderen Ländern wächst enorm, sondern auch das Kaufverhalten der Kunden wird sich deutlich verändern. Auch hier wird die Forderung nach Effizienz und Vernetzbarkeit immer lauter werden.

Effizienzeffekte erkennen: Warum Investitionen in die Digitalisierung trotzdem lohnen

Die sogenannte Industriedigitalisierung soll Fertigungsabläufe noch effizienter machen, die Flexibilität von Unternehmen erhöhen, sie „agiler“ werden lassen und Umsatzwachstum generieren. Wie genau das geht und wie die angekündigten Vorteile zu beziffern sind, ist oft noch unklar. Dabei deckt eine gut gewählte Digitalisierungsstrategie nicht nur die Vernetzung von Maschinen Anlagen ab, sondern kann auch die Schnittstelle zum Kunden optimieren und wertvolle Ansätze zur effizienten Vernetzung von Produktion und Dienstleistungen liefern. Damit bietet die Digitalisierung, richtig genutzt, nicht nur eine Chance für neues, profitables Wachstum: Unternehmen, die sich gut vorbereiten und den Wandel für sich zu nutzen verstehen, können mit gezielten Investitionen eine langfristige Wertsteigerung erreichen und die Zukunft des eigenen Unternehmens sichern. Es gilt: Wer anpassungsfähig ist, gewinnt – und kann aus dem prognostizierten Abschwung als Gewinner hervorgehen.

Wie das gehen kann zeigen Vorreiterprojekte wie die „Speedfactory“ von Adidas oder die „Smart Factory“ von Wilo. Solche Projekte sind in Deutschland sicher noch nicht die Regel, aber sie zeigen auf, was möglich ist. Und sie machen klar, dass die Digitalisierung nicht nur Chancen für einzelne Unternehmen birgt, sondern gleichzeitig einen erneuten wirtschaftlichen Aufschwung mit sich bringen kann: Während große Hersteller vor 10 Jahren dafür in der Kritik standen, ihre Produktion aufgrund niedriger Personalkosten ganz gezielt ins ost-europäische Ausland oder auch nach Asien zu verlegen, zeichnet sich heute ab, dass die Digitalisierung die Produktion in Deutschland zunehmend attraktiver macht. Neue voll-automatisierte Produktionstechniken steigern die Effizienz und ermöglichen so eine kostengünstigere Herstellung als im Ausland. Aktuelle Untersuchungen des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), der Hochschule Karlsruhe und dem Fraunhofer Institut für System und Innovationsforschung (ISI) bestätigen: Die Digitalisierung bringt die Produktion zurück nach Deutschland – weil sie günstiger wird.

Digitalisierung – wenn, dann richtig

Um nicht zu riskieren, dass die Wertschöpfung zukünftig anderen überlassen bleibt und gleichzeitig das Risiko von Fehlinvestitionen zu vermeiden ist eine kleinschrittige aber beständige Vorgehensweise sinnvoll. Für ein iteratives Vorgehen braucht es vor allem eine langfristige Digitalisierungs-Strategie, die es dann konsequent umzusetzen gilt. Ein erster entscheidender Schritt kann darin liegen, Kerngeschäftsfelder zu identifizieren, weniger lukrative gegebenenfalls abzustoßen und im besten Fall ganz neue Potenziale zu kennen. So wird früh deutlich, welche mittel- und langfristigen Vorteile erschlossen und welche Investitionen dringend getätigt werden sollten. Bei einem solchen Vorgehen  kann es hilfreich sein, kundenorientierte Ziele zu definieren. Die Festlegung von aktuellen Problemfeldern wie einer höheren Produktqualität, oder kürzeren Lieferzeiten schließt Fehlinvestitionen frühzeitig aus und gibt mit neuen Lösungsansätzen innovative Antworten auf oft lange vernachlässigte Probleme. Nach einer klaren Definition des Kerngeschäftes kann dann eine schrittweise Digitalisierung eingeleitet werden. Auch wenn sie perspektivisch sicher zu kurz greifen, können häufig schon erste Maßnahmen im Verwaltungsbereich mit geringem Aufwand zu einer schnellen Steigerung der Effizienz führen. Insbesondere der nach wie vor zurückhaltende Mittelstand kann beim großen Thema Digitalisierung ganz klar von seinen Stärken profitieren: Mit der langfristigen Ausrichtung und dem Pioniergeist mittelständiger Unternehmen und der mit einer geringeren Größe einhergehenden Agilität sind sie gegenüber großen Konzernen häufig im Vorteil. (Siehe hierzu auch: Evolution statt Revolution)

Als Eckpfeiler der deutschen Wirtschaft sollte sich gerade der Mittelstand nicht weiter auf dem Erreichten ausruhen. Jetzt gilt es für alle Hidden Champions, Chancen schnell zu erkennen und noch aktiver zu nutzen. Es ist an der Zeit, eines ganz deutlich zu machen: Der Wettbewerb der Zukunft kommt nicht aus der eigenen Branche, sondern wird von digitalen Playern getrieben. Wer jetzt Mut beweist gewinnt, denn dem Downturn kann durch gezielte Investitionen in die Digitalisierung etwas entgegengesetzt werden.

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Über den Autor
Dieter Weißhaar
ist Vorsitzender des Vorstandes der EASY Software AG und seit vielen Jahren als Executive in der Technologiebranche tätig. Als Kind des Ruhrgebiets rudert er gerne zum Ausgleich zu den agilen und innovativen Aufgabenstellungen eines Unternehmens im digitalen Wachstumsmarkt.
Dieter Weißhaar
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