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Warum S/4HANA‑Migrationen scheitern – und was fast niemand sagt

S/4HANA‑Migrationen scheitern meist nicht an SAP selbst, sondern daran, dass Unternehmen ihre überholte Altlogik, unbereinigten Daten und gewachsenen Prozesse unreflektiert in die Zukunft übertragen, statt die Transformation als Chance für einen echten Neustart zu nutzen.

Max. Lesezeit 6 Min Veröffentlichung 30. März 2026
Zuletzt aktualisiert im März 2026

Das Wichtigste kompakt zusammengefasst

  • S/4HANA‑Migrationen scheitern oft, weil sie als technisches Upgrade statt als Transformation verstanden werden.
  • Altlogik, gewachsene Eigenentwicklungen und unbereinigte Daten erhöhen Komplexität und Risiko erheblich.
  • Clean Core scheitert häufig an historisch verankerten Prozessen und fehlender Bereitschaft zum Loslassen.
  • Fachbereiche werden zu spät eingebunden, was Anforderungen, Tests und Widerstände explodieren lässt.
  • Das Hauptproblem liegt nicht in S/4, sondern darin, dass Unternehmen ihre Vergangenheit unreflektiert in die Zukunft kopieren.

Die Umstellung auf SAP S/4HANA zählt zu den größten technologischen Transformationen unserer Zeit. Unternehmen stellen Budgets bereit, bauen Projektteams auf, analysieren Prozesse – und erleben dennoch immer wieder das gleiche Muster: Zeitpläne geraten ins Wanken, Budgets laufen aus dem Ruder und selbst nach einem erfolgreichen Go-Live fühlt sich das neue System oft erstaunlich wenig „neu“ an.

Warum passiert das? Und warum trifft es große Konzerne ebenso wie mittelständische Unternehmen?

Die übliche Antwort lautet: „SAP ist komplex.“ Doch diese Erklärung greift zu kurz. Die wahren Ursachen liegen tiefer – und sie beginnen nicht bei SAP, sondern im eigenen Unternehmen.

Migration wird als technisches Projekt betrachtet – obwohl es ein Transformationsprojekt ist

Viele Projekte starten mit der Annahme, es ginge vor allem um ein Upgrade: System analysieren, konvertieren, testen, migrieren. Fertig.

Doch S/4HANA zwingt Unternehmen dazu, Entscheidungen zu treffen, die selten technischer Natur sind. Es geht um grundlegende Fragen:

  • Welche unserer Prozesse passen noch zu unserer Realität?
  • Welche Eigenentwicklungen sind historisch gewachsen – aber längst überholt?
  • Welche Daten brauchen wir wirklich für die Zukunft?
  • Welche Rolle soll ERP in unserer zukünftigen Architektur spielen?

Wer diese Perspektive ignoriert, tappt in eine Falle:
Man überträgt die Vergangenheit – statt die Zukunft zu gestalten. Und genau hier beginnt das Risiko vieler Migrationen.

Historisch gewachsene Systemlandschaften sind das wahre Risiko

Fast jedes SAP‑System ist ein Spiegel der Unternehmensgeschichte:
10, 20, oft 25 Jahre gewachsene Prozesse, Workarounds, Sonderlogiken und Datenbestände.

All das wurde einmal pragmatisch und aus sinnvoll erscheinenden Gründen eingeführt – aber nie wirklich grundlegend bereinigt.

Das führt zu drei großen Fallstricken:

 1. Zu viel Altlogik im System

Individuelle Z‑Entwicklungen, Sonderregeln, Punkt‑zu‑Punkt‑Integrationen.
Sie waren früher ein Vorteil – heute sind sie ein Migrationsrisiko.

2. Datenbestände, die nie bereinigt wurden

Millionen Bewegungsdaten, alte Belege, veraltete Dokumente.
Jedes Objekt bremst die Migration, erhöht Risiko und Testaufwand.

3.  Architektur, die niemand mehr vollständig versteht

Wenn Prozesse über Jahre inkrementell angepasst wurden, kennt kaum noch jemand die vollständige Logik dahinter.

Das Ergebnis

Die Komplexität wird nicht reduziert, sondern 1:1 übertragen – mit allen Abhängigkeiten und Fallstricken.

Die Clean‑Core-Idee klingt einfach – ist aber für viele Unternehmen schwer umzusetzen

„Keep the core clean“ ist längst bekannt, aber selten gelebte Praxis. Denn:

  • Das Entfernen von Modifikationen greift tief in Abläufe ein.
  • Fachbereiche hängen an vertrauten Lösungen.
  • Eigenentwicklungen sind oft geschäftskritisch.

Clean Core bedeutet, sich radikal mit der eigenen Realität auseinanderzusetzen.
Ohne diese Auseinandersetzung entsteht ein System, das am ersten Tag schon wieder veraltet ist – und das passiert weit häufiger, als man denkt.

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Fachbereiche werden zu spät einbezogen – oder gar nicht

Ein weiteres Muster scheiternder Projekte:
IT und externe Partner arbeiten bereits seit Monaten, bevor die Fachbereiche überhaupt wissen, dass wesentliche Prozesse neu gedacht werden müssen.

Die Folgen:

  • Anforderungen werden spät eingebracht
  • „Unverzichtbare“ Workarounds tauchen plötzlich wieder auf
  • Clean‑Core‑Entscheidungen werden revidiert
  • Testphasen explodieren, weil Prozesse nicht verstanden werden
  • Widerstand steigt – und damit der Druck, Altes doch wieder mitzunehmen

Eine erfolgreiche S/4HANA-Migration entsteht nur, wenn die Organisation gemeinsam migriert, nicht nur die IT.

Das System fühlt sich nach der Migration oft nicht „modern“ an – und das hat Gründe

Viele Unternehmen erwarten nach der Migration:

  • schlankere Abläufe
  • bessere Performance
  • modernere User‑Experience
  • mehr Automatisierung

Doch wenn Komplexität unreflektiert übernommen wird, entsteht ein anderes Bild:

  • Prozesse bleiben unübersichtlich
  • Analysen laufen weiterhin auf Altstrukturen
  • Erweiterungen verhalten sich wie früher
  • Benutzer arbeiten in den gleichen Mustern wie bisher

Mit anderen Worten: Es wird viel investiert, aber wenig verändert.

Was fast niemand sagt: Das größte Risiko ist nicht die Migration, sondern in der Vergangenheit

Die meisten Probleme entstehen nicht, weil S/4 schwierig wäre.
S/4 ist hochmodern, leistungsfähig, stabil und darauf ausgelegt, Standardisierung zu fördern.

Die wirklichen Stolpersteine liegen in der Altlogik, in überholten Prozessen, unbereinigten Daten und jahrzehntealten Entscheidungen. Und genau deshalb scheitern S/4HANA‑Projekte nicht an SAP.

Sie scheitern daran, dass Unternehmen versuchen, die Vergangenheit in die Zukunft zu übertragen – ungefiltert und unreflektiert.

Wie Unternehmen es besser machen können

Migration als Entscheidungspfad verstehen – nicht als Kopierprojekt

Die wichtigste Frage lautet nicht „Wie migrieren wir?“
sondern: „Was übernehmen wir überhaupt – und was bewusst nicht?“

Daten analysieren statt kopieren

Nicht jeder Beleg, nicht jedes Dokument, nicht jeder Datensatz muss ins neue System.

Eigenentwicklungen hinterfragen

Was ist wirklich geschäftskritisch – und was nicht?

Fachbereiche früh einbinden

Es gibt keinen Clean Core ohne Change im Business.

Komplexität abbauen, bevor migriert wird

Denn spätere Bereinigung ist teuer, riskant – und selten konsequent.

Fazit: S/4HANA ist nicht das Problem – die Haltung dahinter schon

S/4HANA‑Migrationen scheitern selten an der Technologie. Sie scheitern daran, dass Unternehmen davor zurückschrecken, unangenehme, aber notwendige Entscheidungen zu treffen:

Prozesse wirklich standardnah zu denken

  • Daten radikal zu bereinigen
  • Altlogik loszulassen
  • Komplexität zu reduzieren
  • Fachbereiche mitzunehmen
  • Migration als Chance zu sehen – nicht als Kopierarbeit

Wer diese Perspektive einnimmt, migriert nicht einfach ein System.
Er gestaltet die Grundlage für ein agiles, wartbares und zukunftsfähiges Unternehmen.

Kurz gesagt: Weniger Vergangenheit. Mehr Zukunft.

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